Von unten betrachtet sieht der Berg wieder unnahbar aus, man
schaut an ihm hoch und denkt dabei an seinen Physiotherapeuten. In der Realität
angekommen, werden wir von Lobpreisungen auf unser Land und leichten
Verbrennungen bis Stufe zwei begrüsst, das Postauto kurvt unbarmherzig in alle
Richtungen und alte Leute reden das, was man von ihnen erwartet. Der Frieden
ist teuer, er kostet viel, oftmals soviel, dass man lieber auswandern würde,
aber dort ist dann eben nicht immer Frieden und das viele Olivenöl an allem
verdirbt einem den Magen. Die freien Plätze in unserem Land würden den Alten
immer seltener angeboten, obwohl sie ihr Leben lang geackert haben und was
nicht alles, die Jugend sei verzogen und irgendwie halb bewusstlos, sie
reagiere nicht auf das Zwicken und Sticheln, das sich früher bewährt habe.
Zuhause riecht es nach Abwesenheit, wir halten Ausschau nach Röschti und
Schweinsschnitzel, wir sehen im Augenwinkel ein Glas Cola, aber dort ist
Nichts. Wir blicken den Menschen in der Stadt aufmerksam in ihre Gesichter,
wollen sie uns etwas sagen? Sind ihre Gesichter voller potentieller Information
und jedes Blickes wert? Alles regt und zuckt und windet sich auf unserer
empfindlichen Netzhaut. Bald wird uns das zuviel und wir beginnen wieder mehr
in uns hinein zu blicken, dort weiss man wenigstens, bei wem man sich beschweren
kann, wenn einem die Aussicht nicht gefällt. Die Dichte der Stadt presst uns
zurück in unsere ursprüngliche Form – wir müssen uns wieder gut leiden können
mit den Zusätzen, die uns zieren. Ich lebe vegan und ich lebe moralisch
vertretbar. Ich trinke nicht oder ich trinke immer viel zu viel. Der russische
Botschaftsschutz kreuzt hinter mir auf und ab, weil ich eine Meinung habe. Ich
bin dran am Geschehen. Aktivist weil ich es mir wert bin. Die einfachsten
Gleichnisse legen sich quer in meine Kehle, weil ich bin mit der Ausschmückung
meines Menschendaseins beschäftigt. Ich ersticke hier in meinem
Koketteriekorsett, man helfe mir. Das Auge ist von der geringen Distanz der
Häuserzeilen beleidigt und will schon wieder zu tränen beginnen. Doch ich
drücke die Faust fest drauf, wir passen doch so gut zusammen, verpasse mir
einen Schlag auf den wunden Punkt, die Alpen sehen schon wieder aus wie eine
Theaterkulisse, hier ist die Bühne, frisch beschneite Berge und sehr gescheite
Menschen vorne dran.
Sarah Elan Müller
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Montag, 30. September 2013
Mittwoch, 18. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 9
Der Morgen liegt irgendwo erstickt unter zwanzig cm
Neuschnee, die beiden Rentiere stöbern ambitionslos danach. Der Körper muss
jetzt einfach damit klarkommen, was ist, kein Muksen oder Husten. Das
Islandross hat seinen Umriss verloren und stakst mit unangenehmer
Grenzenlosigkeit in seinem Gehege herum. Von der Trutzburg wispert etwas, es
sagt, don’t underestimate the effort. Fort sind wir um fort zu sein, aber wir
tun so, als sei alles mitgekommen und nichts anders, wir erwarten immer noch
viel von uns, wir leisten wie Zwergengeister, wir meistern meistens fast Alles,
uns entgeht nichts, kein klitzekleines Goldsteinchen nur vielleicht ein
Wörtchen, das zwischen zwei Stühlen heruntergefallen ist und dann zwischen zwei
Menschen fehlt. Effi Effort lives in a fortress high up on the hill.
Stundenlanges verheizen von Bäumen, die nie hier gewachsen sind, unsere
gefühlslosen Hintern müssen im Bottich aufgewärmt werden, oberflächlich erhitzt
und vom Schnee geblendet sitzen wir im lauwarmen Wasser und warten darauf, vom
Geisterblitz erschlagen zu werden. Struck by epiphany she drags a flag by her
hair to the pole, a polish girl drives her mad, on a mad mobile, pots and pans
jingle wildly, as they run straight into the ditch. Effe sei beim Billiard ein
schwerer Zug, sagst du, Effe sei wie ein Drall, eine Wendung des Schicksals,
ein Abprall der ungewohnten Sorte. Effe wünscht sich jeder in seinem Leben,
Effi Effort ist auch nur deshalb, wider ihrem Namen, zu Schloss und Aussicht
gekommen, manchen ereilt Effe nie, mancher sieht nach zwanzig Jahren immer noch
aus, wie vor zwanzig Jahren und sagt – wenn dann mal, dann werde ich – die
Haare mal anders tragen und mich der Zeitlichkeit zuliebe selbst aufgeben. Das
Meiste geschieht. Der Meister trägt mal grün mit Knöpfen, mal nicht. Der
Meister sieht. Aus den Augen aus dem Sinn, der Sinn ist für heute ausgegangen,
Morgen um elf: Sinnmeeting.
Sarah Elan Müller
Dienstag, 17. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 8
Kollektiv Wundenleck vollbringt am Eck ein Wunder, kurz vor
sechs. Heute fehlen allen alle Enzyme. Die nötigen. Lichtnot und zu wenig Fett
am Pfosten, am liebsten würde man mit dem Cue aufeinander eindreschen oder
wenigstens auf die Bürokratie, die Zeit, jeden einzelnen Regentropfen, fick
dich Vergänglichkeit. Beats hoppelnd auf der Flucht vor jeder Präzision, jeder
einzelne baumelt irgendwann am Galgen der Technik, erhängt an einem VGA Kabel
und das Wetter zeichnet still Kondolenzkarten.
Sarah Elan Müller
Montag, 16. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 7
Windstille ist erst Windstille, wenn man sie nicht mehr
hört, muss ich erfahren, als ich hinausgehe, um eine einsame Seilwinde auf dem
Feld zu interviewen. Das Ohr weiss wenig über Stille, der seichte Luftzug
hämmert erbarmungslos ins Mikrofon, egal aus welcher Richtung ich meine
Befragung starte. Nichts will gelingen. Es beginnt zu regnen. Ein paar gut
ausgerüstete Wanderer stehen am Anfang eines goldenen Pfads, sie fragen sich,
ob das nun die Initiative zur gerechteren Verteilung des Reichtums ist und
stützen sich schon mal auf ihre Raichle Stöcke ab. Das Vergnügen, dass sie sich
für heute vorgenommen haben, lastet schwer auf ihnen. Sie blicken hoch und
sehen eine viel versprechende Linie, eine Art englischer Wolkenumriss ist vom
Himmel gefallen, es ist immer etwas Gutes an der Gräue, sie blicken in die
Zeit, die vor ihnen liegt und ziehen sich gegenseitig an dicken Drahtseilen in
den Nebel hinein, dieser Ausflug wird sich lohnen, ob er will oder nicht. Mit
der Nasenspitze krieche ich bis ganz vor an die Steilwand und schaue, die
Innereien pulsieren erfreut. Eine Gondel voller kreischender Kinder schwebt ins
Tal, eine leere Gondel kreuzt sie auf halbem Weg, es funktioniere ja wohl nur so,
sagt der Operateur unter seinen Augenbrauen hervor, what goes up, must come
down, das sei ja nicht seine persönliche Weisheit, eher Physik, das könne man
ja wohl ohne Bedenken entgegennehmen. Es weht Misstrauen am Fahnenmasten, die
Hornusser halten es gegen Mitternacht nicht mehr aus, dieses
Plastikkunstplagiat, und hissen einen Jassteppich, wenigstens etwas Strammes,
wenn auch nicht die absolute Befriedigung des Nationalstolzes, what goes up,
must stay there, Prosit! Es gäbe schon schauderhafte Stagnationen, meint der
Operateur noch beiläufig, letzte Woche zum Beispiel seien fünfhundert in China
produzierte Kühe mit zusammengewachsenen Hinterbeinen beim Alpabzug in der
Steilwand stecken geblieben, kein Vor oder Zurück sei mehr möglich gewesen, das
sei dann wirklich verhockt. Und wenn’s dann drauf ankäme, wollen die Hersteller
nichts mehr damit zu tun haben, da wäre man halt dann schon besser bedient
gewesen mit dem heimischen Modell. Patriotisch sei das nicht, eher
praxisorientiert. Praktisch niemand trifft den Ton, wenn’s zum Chor kommt, man
tut es trotzdem.
Sarah Elan Müller
Sonntag, 15. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 6
Ein Moment der Ruhe in dem Trubel der Anderen, der
Wochenendler, sie stürmen die Ebene mit Kamera und Schnaps, sie hängen sich
zwischen Kuhglocken, werfen mit Wanderschuhen um sich. Ihre Köpfe sind hochrot
und sie brauchen unbedingt mehr „Kafi fertig“, die zierlichen Künstler sind überall
im Weg und bauen Dinge, von denen niemand weiss, was sie sollen. Unzimperlich
greift man ihnen ins viel zu lange Haar und zwingt sie, einen anzublicken. Die
Eidgenossen, die Wahrhaftigen, mit dem nötigen Brustumfang, sich solche zu
nennen bemerken, dass die ihnen liebe Flagge fehlt und stattdessen etwas
Kaputtes dort hängt. Gut möglich, dass das diese Schar zartbesaiteter
Irritanten war, die hier überall hinter ihren Macbooks sitzt und den ganzen
Billiardtisch versperrt. Als sie dann noch beginnen, grosses Audiogerät zum
Fahnenmasten zu schleppen, ist der Verdacht erhärtet. Man testet sie sofort auf
Herz und Nieren, aber wie die meisten Städter scheinen sie gar keine Organe zu
besitzen und trinken immer zu nur Fencheltee. Daher kommt wohl auch der Drang,
Kunst zu veranstalten, ein Lied davon zu singen und all das, was immer mit viel
Erklärung verbunden ist. Klar, klar im Kopf muss man werden. Das ist für alle
gleich wichtig. Die Alpluft tut uns allen gleich gut. Sie steht auch nicht zum
Verkauf, jeder darf sie einfach durch seine Nasenlöcher einsaugen und wenn er
genug davon hat, mit der letzten Seilbahn wieder ins Tal fahren. Als du gerade
an deiner Reflexion herumschraubst, tippt dir einer ans Gehirn. Du, hier? Ja,
du auch? Du blickst in den Spiegel und unterhältst dich selbst, du tust
erstaunt, als ob du nicht gewusst hättest, dass du hier bist und dir ist da
definitiv eine Überraschung gelungen. „Denen, die den Boden seiner Löcher
berauben, blüht eine unschöne Zukunft!“, sagt man hier in der Sprache der
Eingeborenen, du schaust in die Versenkung und in deine zwei Augen hinein, sie
sind noch nicht auf Bodenhöhe, der Boden nicht auf Augenhöhe, es besteht also
vorerst keine Gefahr für dich und deine Zukunft. Ein Golfball trifft dich hart
am Schädel und gleich darauf die Einsicht. Die, die du für Eingeborene gehalten
hast, sind Engländer und es könnte sein, dass deine übereifrigen Urteile deine
Zukunft nun doch bedrohen. Lückenlosigkeit hin oder her. Aber ich will doch so
sehr, dass es nicht so ist, jammerst du laut. Der Berg ächzt unter den
Menschen, die ihn auf alle möglichen Arten besteigen. Das Tal gähnt über die
Hornusser, Künstler und Engländer hinweg. Die Zukunft ist den beiden genau so
breit wie lang, die 2000 Meterlinie trennt sie von den geografischen
Koordinaten unserer Sorgen.
Sarah Elan Müller
Samstag, 14. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 5
Nacht. In der Schwärze klingelt etwas. Du stehst still. Was
ist? Da ist jemand. Wir machen Licht und vor uns stehen sie. Ihre Augen
leuchten wie Silberknöpfe, ihre Hintern auch. Starr blicken sie herüber,
sie trauen uns nicht, traben um uns herum in immer weiteren Kreisen und
verschwinden schliesslich im Dunst. Neugier und Furcht heissen die beiden, sie
sind zwar zahm, aber wenn man sie mitten in der Nacht auf der Ebene überrascht, sind sie in
einem anderen Modus, sie sind verzettelt, ausgebreitet und nicht gesammelt für
eine Begegnung. Du sagst hier seien sie besonders wohlgenährt, höher im Norden
sähe man selten so dicke Exemplare, dort sei halt Vieles noch so, wie es
gedacht wäre. Auf der Schattenseite liegt noch der Schnee von Gestern, anfangs
hat er uns noch interessiert, wir stiegen sogar zu ihm hoch um ihn zu berühren,
heute ist er nicht mehr der Rede wert und zieht sich beleidigt zurück. Von der
Terrasse hört man sogar leises Gelächter, man weiss aber nicht, ob es den
jungen Künstlern gilt oder dem Schnee, der sich nicht behaupten konnte.
Behauptung allgemein ist eine Frage der Hartnäckigkeit, man hält das Haupt
gerade auf dem harten Nacken und streckt es direkt ins eisige Schweigen der
Leute hinein. Wir tauchen nach dem Saunagang in den kalt gebliebenen Hotpot.
Die Haut schreit verärgert, das Herz zuckt die Schultern, was soll’s, es gibt
Schlimmeres, es muss jeden Abend um Punkt zehn vor sechs eine pathetische Hymne
ertragen und gleich darauf deftige Kost. Es spricht für unser Gewissen, dass
wir plötzlich Polizisten mit Schäferhund auf der Ebene zu sehen beginnen, das
Personal schüttelt den Kopf, kann nicht sein, ist nicht so. Tun was wir wollen,
dazu sind wir aufgefordert, die Voraussetzung ist, einen Willen zu haben und
ein Rückgrat, keine Fluchttierfurcht und eine Vision, clear, visible before our
eyes. Hail to the plain und Baulärm für die Tagestouristen.
Sarah Elan Müller
Freitag, 13. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 4
Der Tag braucht zwei Anläufe um mich von seinem Beginn zu
überzeugen. Eine innere Hitze fängt mich, kaum lasse ich zu, dass ich sie
bemerke, verlässt sie mich sofort und ich friere in kaltem Schweiss. Who cares?
Am Abhang ist auf halber Höhe ein Haus aufgetaucht, weiss und flach, es sitzt
gut wo es sitzt, aber drin sitzt niemand, das weiss man hier unten ganz
intuitiv. Das Haus ist sich selbst genug. Es ist zufrieden mit seinem Volumen
und ihm zieht kein Luftzug durch den hohlen Sinn. Wenn es doch bewohnbar sein
müsste, hiesse das Verzicht, unverzeihlich, denn Reichhaltigkeit ist wichtig,
ich bin bereits bei Briefen an Kafka, sag ja, sag ich versteh jetzt etwas, da
sagst du: Es ist flach. Es ist wirklich und wahrhaftig nur eine Fläche. Ich falle
meiner eigenen Häuslichkeit zum Opfer. Plustere mich schützend auf, die Kälte
dringt zwischen die Daunen. Energien laufen zusammen, an der Knotenstelle gibt
es eine Kollision mit einem Motorradfahrer. Er erschreckt sich zu Tode,
normalerweise kennt er hier alles und braust unaufhaltsam zwischen den
Felsblöcken hindurch, heute aber ist hier dieser Energieengpass, extra
installiert weil extra ist immer ein guter Grund. Darauf hissen die jungen
Leute im Berghotel eine Flagge aus ihrem Fleisch und Blut, ein Mortadella
flattert im eisigen Wind und ist des Todes, sehr wahrscheinlich, della Morte.
Randensalat. Betrachtung. Wünschen wir uns etwas Lustiges? Werde ich eines
Tages blind sein? Verstaut in ein Nähkästchen, ein Plaudertäschchen, Schlafsack
und Wärmebeutel, aus dem ich herausplappere… Das Private an der Arbeit
geschieht hinter hochgeklappten Bildschirmen oder hinter Hügeln, im Nebel und
unter Goretex Kapuzen, etwas tropft beharrlich auf meine taube Stirn, ich
lausche diesen stillen Freuden der Leute. Ungarn ist weit weg. Fast alles ist
weit weg. Die Kunst hat für diesen Platz bereits zu viele Handycaps, die Golfer
schlagen ab – Zack ins Naturschutzgebiet, Ramseier, Mobiliar und Gastrosuisse
umgehen den Zielkonflikt geschickt und lochen ein, direkt und ohne Umschweife,
am Ort der Kraft. Nach einer Weile gewöhnen sich die Augen an die Topografie
und man beginnt die Höhenlinien zu sehen.
Sarah Elan Müller
Mittwoch, 11. September 2013
HALB ALP - HALB ANGST 3
Und dieser Hagebuttentee besteht hauptsächlich nicht aus
Tee, sondern Kernobst. Ob Kunst eigentlich nur gut ist, wenn nicht jeder sie
macht? Das ist schwer zu sagen, aber vielleicht ist es eine Überlebensfrage, ab
heute wollen wir nicht mehr Atmen, weil das macht ja jeder… Und wenn nicht
Ideologie, was dann? Anspruch? Und wenn der Verzicht auf Atemluft dann
Kunstanspruch geltend macht, wird’s heikel. Aber hier hat es zum Glück genug
Luft für alle. Mitten in dieser Luft hängt eine Bedrohung oder etwa nicht.
Oder? Was auch immer wird sich darin verheddern, was auch immer ist hier von
grossem Interesse, was auch immer wird sogar ziemlich ausgeschöpft, wenn du
weißt, was ich meine. Ein Stachelmahnmal für die Tagesmenschen wartet auf den
ersten Riss. Ein paar scheue Risse hat es schon bei seiner Verwicklung in seine
eigenen Angelegenheiten getan, in den Overall eines Helikoptermechanikers.
(Lust auf luftige Höhen?) Overall auf der Ebene, ist überall, ein Fels aber ist
nur einmal nicht dort, wo er immer ist, und danach wieder Ewigkeiten unbewegt.
Der Steilwand ist ihr einziger goldener Zahn ausgefallen, aus Wut darüber hat
sie noch ein paar Brocken hinterher geworfen. Mit der emotionalen Kälte
ausgefallener Zähne werden wir heute vom Himmel bespielt, Schnee und Wind,
Spiegelbilder, Lug und Trug und doch bleibt alles erkennbar, eine kleine
Irritation lässt den Menschen nicht einmal blinzeln, es blinkt und zappelt
Licht auf den Passanten, nur das weisse Pferd und die Putzfrau bemerken den
Unterschied. Ich fege Strohhalme mit einem Strohbesen, dem Unterschied zuliebe,
denke Zen, denke Beat, denke Versenkung in Arbeit oder Fieber in der Musik.
Each brush with the broom causes another draft of air, causes another straw to
move and lay itself right where I just swept. I learn to sweep gently, with the
right amount of force, and I start to hear the floor talking to me about the
treatment it’s been experiencing. I can identify with the floor in a barn more
easily than with what they call us, the humans, the artists, the agile beings
with skin wrapped around them. Diese Haut hält nicht mehr zusammen, als was wir
selbst aushalten, die Jäger sind im Tal, sagst du und du denkst nicht daran
deine Haut zu retten. Das Tier entflieht direkt in den Himmel und wir halten es
nicht fest, nur ein Dokument, nur ein Fuss ohne Tier, nur eine Idee aber
bereits setzt sich darauf ein feiner Film, die heisse Milch kühlt auf
unangenehmste Weise ab, wir hoffen, dass es unseren Ideen besser ergeht. Gib
den Zucker rüber, dieses Gebräu ist einfach, ähm, etwas, too much.
Sarah Elan Müller
Dienstag, 10. September 2013
HALB ALP – HALB ANGST 2
Am helllichten Tag ist es episches Wetter. Uns gelüstet nach einer Schlacht auf der Ebene, etwas Großartiges zum Beispiel. Ein paar Tagesmenschen bewegen sich auf der Ebene hin und her, sie sind jederzeit sichtbar, wandelnde Stifte mit farbigen Sportjacken. Stäbchen und Zapfen, daraus ist die Retina gebaut, referiere ich in mich hinein, einzelne Stäbchen sind entwischt und meinen nun, sie könnten autonom auf der Hochebene herumspazieren. Fehlt dir eine Farbe im Auge oder ein Licht im Kopf? Alles geht immer nicht auf, man will etwas sagen und dann etwas dazu, meist aber sollte man es dabei belassen, was man wollte, es nur wollen und nichts weiter. Mir fehlt das Licht im Kopf ganz eindeutig, hier scheint es mir grell entgegen und sogar der alte, weisse Gaul wirkt hell und klar, im Kopf bleibt eine gewisse Restdunkelheit, trotz Pferd, trotz Licht, trotz der Bereitschaft die Augen weit aufzusperren, damit es hell wird im Schädel. Der Wind weht fast schon pubertär, er bläst hart, kein Sonntagsfick oder Sonntagswunschfick, er nimmt uns alles und jedes und lässt uns mit geröteten Backen zurück. Zwei Gespensterhelden flattern am Ort der Kraft, Krafthelden, transparente Ovomaltine mit transparenten Körpern darum herum, du sagst das Cola hier ist Wasser aus der Quelle mit Colageschmack, man zahlt nur für den Namen und wir dreschen mit Sonnenschirmen aufeinander ein. Ehre dem Epos, Ehre der Musik. Aber wie viel Ehre ist noch übrig, wenn man in einen einsamen Skischuh singt, ist das ortsbezogen oder einfach notgedrungen? Lange Irrfahrten zwischen Frühstücksflocken und Kaffeerahm, Angst um den Ruf oder eher Angst vor der Stille ohne einen Ruf, der Berg ruft seinen Senf dazu und die Spalten dort, die Löcher in der Felswand, das sind die Nistplätze der Echos. Also…Ausser dir hat das hier keiner so aufgefasst, gell das weißt du schon. Diese Ebene ist ernst zu nehmen, sagen einige, sie wissen wovon sie reden, die einen, weil sie hier schon Winter erlebt haben, in denen sie ganze Iglus mit Huskyhunden dekoriert hatten, bis zu zwanzig Hunde in einem Iglu, das hält warm und trotzdem hat man seine Ruhe...Wo war ich? Die anderen, weil sie Ebenen schon theoretisch behandelt haben und auch Parallelebenen dieser Ebenen, das ist eben schon wichtig, aber zurecht darf man auf den Workstart warten, weil ohne Work no Vision. Heute schon bin ich bis zu diesem Wort vorgeprescht, ein Hauch von Countdown in der Halfpipe to Heaven.
Sarah Elan Müller
HALB ALP – HALB ANGST 1
Der Nebel schleicht über stumpf glitzernden Teiche, in denen
Kaulquappen leben, das ganze Jahr über, sagst du, kann nicht sein, denke ich.
Auf dem Gipfel flüstert etwas, wie in der gemütlichen Stube.
Jemand ist da-
(Halb Alb halb Traum)
Aber auch das kann nicht sein, weil ich sehe ja hin und ich
sehe nichts. Jederzeit alles möglich hier, auch wenn du nicht da bist, kann dir
hier was passieren. Die Ferne macht mir Sorgen, ich sehe nicht sehr weit, ein
Film schwimmt auf meinem Teichauge, sie pfeifen herüber aber ich kann sie nicht
erkennen, könnte sein, dass ich vom Weg abgekommen bin, könnte sein, dass sie
mir das mitteilen wollen. Andererseits kann ich jetzt auch nicht behaupten, auf
dem Gipfel nichts gesehen zu haben, weil ich bin nun mal kurzsichtig und es
wäre schon möglich, dass dort jemand war. Im Teich ist auch jemand, sagst du
noch mal eindringlich, wirklich, sieh mal, Fische! Ein paar sehr kleine, sehr
schnelle Fische sausen panisch unter der Wasseroberfläche hin und her. Es ist
wahr. Auch, dass es uns nicht besser geht. Wir haben hier eine Aufgabe und
hätten lieber keine, sei es auch nur, den Weg zurück zur Hütte nicht finden zu
müssen, sei es nur, einfach nichts. Das Wasser weiss wenigstens, wo es
hinfliesst, wir wissen nicht einmal, ob wir zusammen oder auseinander fliessen,
wo wir uns trennen und wo nicht. Aber vorerst nicht oder – bereits ist es
soweit ich seh’ schon wieder ausser meinen Füssen keine, also allein unterwegs
und immerzu um die Knöchel besorgt. Sie sind nicht für steile Traversen
geeignet. Knicksucht. Der Abend hockt bereits vor der Hütte und bricht sofort
an, als ich zurück bin. Zeit für etwas Unterhaltung und kein soziophobes Getue
jetzt, mach dich nicht klein weil sonst wirst du von deiner eigenen Katze
gefressen oder musst gegen Spinnen kämpfen wie ein Mann, ein kleiner zwar, aber
doch, ein Mann. Wer will da schon? Ich nicht.
Sarah Elan Müller
Sarah Elan Müller
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